Während das kleine Kind immer noch auf der Couch herumkugelte, flitzte das große die Treppenstufen hinunter und rief: „Tschüss, ihr zwei! Bis später!“
„Na, wenigstens hat eine von uns Spaß an diesem sonnigen, heißen Samstag“, dachte ich mir und winkte dem Auto nach, in dem das Kind mitsamt seiner Freundin und einem Haufen Schwimmsachen verschwunden war. Ich verzog mich ins Bett und dankte Jeff Bezos für Amazon Prime, bevor ich in einen unruhigen Schlaf versank. Mein Kopf. Warum ist mein Kopf so schwer?
Als ich aufstand, fühlte ich mich noch geräderter als zuvor. Ich warf einen prüfenden Blick in den Spiegel und begutachtete mein rechtes Auge. Das Gefühl, ein zähflüssiger Schleim habe ich darüber gelegt, war stärker geworden. Das Weiß war einem Rot gewichen, das sich seltsamerweise nicht auf der Bindehaut fortsetzte, wie man es bei einer allergisch bedingten Entzündung erwarten würde. Und was zur Hölle war das? Die Pupille des rechten Auges war eindeutig größer als die des linken. Mir war das bereits mehrmals aufgefallen, jedoch nicht in einem so deutlichen Ausmaß. Verdammt. Ein neurologisches Problem? Ich leuchtete mir mit der Taschenlampen in die Augen, um zu überprüfen, ob die Pupillen noch reagierten. Sie taten es, aber was sollte ich jetzt mit dieser Information anstellen? Mit klopfendem Herzen wählte ich die Nummer einer Freundin. Zwar kann auch eine Fachärztin für Neurologie keine Ferndiagnosen stellen, doch immerhin bestätigte sie mir, dass es wohl eher ein Fall für den Augenarzt war.

Samstags kommt nur das Krankenhaus infrage. Über die Grazer Augenklinik habe ich bereits viel Gutes gehört, aber war es wirklich notwendig, dass ich mich davon selbst überzeugen musste? Und das kleine Kind. Das kleine Kind mit dem Hüftschnupfen, welches das Sofa seit Tagen nur für lebensnotwendige Aktivitäten wie essen und rudimentäre hygienische Maßnahmen verlassen hatte, würde mit mir kommen müssen. Ich rief ein Taxi, schulterte das Kind und verließ die Wohnung.
„Die Sehbehinderte trägt den Lahmen“, schoss es mir durch den Kopf, obwohl ich doch noch sehen konnte.
„Mama, vielleicht wirst du ja nur auf einem Auge blind“, versuchte das kleine Kind mich zu trösten, als wir auf der Rückbank saßen und durch die leergefegten Straßen dieses sommerlichen Wochenendes fuhren.
Die Ambulanz der Augenklinik war leergefegt. Ein langer Gang, in dem sich Stühle in bestimmten Abständen aneinanderreihten, lag vor uns. Orange Punkte an den Wänden und an den Rückenlehnen der Sitzgelegenheiten markierten die genauen Positionen, an denen die Stühle zu stehen hatten. Corona fordert eben eine gewisse Ordnung. Ich setzte das Kind auf einen Stuhl und stellte mich vor jene Tür, über der ein großes Schild prangte. Erstversorgung. Darunter ein kleineres Schild: Bitte nicht klopfen. Unschlüssig stand ich da und wusste nicht, was ich tun sollte. Irgendwann kam eine Krankenschwester heraus. Sie war freundlich, wirkte gut gelaunt.
„Ich habe ungleich große Pupillen. Sehen Sie das auch?“, fragte ich. Sie kam nah an mich heran, blickte mir tief in die Augen und stieß einen Laut der Verwunderung aus. „Tatsächlich. Na, dann geben Sie mir mal Ihre Versicherungskarte.“
„Seltsam“, murmelte der Assistenzarzt. Seit einer ganzen Weile beleuchtete er nun meine Augen mit unterschiedlichen Instrumenten. Er machte einen Sehtest. Ich beschrieb erneut meine Symptome. „Es fühlt sich ein wenig so an wie eine allergische Konjunktivitis, aber irgendwie auch nicht… Auf dem rechten Auge ist alles verschwommen und da ist so ein Film. Ein Nebel, der nicht verschwinden will. Und Flecken.“
„Haben Sie mit irgendwelchen Chemikalien hantiert?“, fragte er. Mir fiel bloß der Spray ein, mit dem ich das Wespennest auf dem Balkon bearbeitet hatte. „Aber hätte ich das nicht bemerken müssen?“
„Von solchen Nervengiften reicht oft schon eine kleine Dosis, um eine Lähmung zu verursachen“, sagte der Arzt. „Allerdings… Allerdings reagieren die Pupillen gut aufs Licht.“ Er leuchtete mir noch einmal in die Augen, um seine Beobachtung zu bestätigen und warf einen weiteren Blick auf den Diagnoseleitfaden auf seinem Computerbildschirm. Dann holte er die Oberärztin.
„Tatsächlich. Eine Anisokorie, aber die Pupillen reagieren gut.“ Die Oberärztin schüttelte den Kopf und leuchtete mir ebenfalls mit all den ihr zur Verfügung stehenden Instrumenten in beide Augen. „Sehen Sie in der Mitte grau? Oder verzerrt?“
Ich erinnerte mich an gräuliche Punkte, die mich in den letzten zwei oder drei Wochen hin und wieder irritiert hatten. Sie waren jedoch jedes Mal so schnell verschwunden, dass ich ihnen keine weitere Bedeutung schenkte. Außerdem war ich doch beim Augenarzt gewesen. Erst vor kurzem, um den Zustand meiner Netzhaut untersuchen zu lassen.
„Nein, aber da sind Flecken. Seltsame Flecken. Und ein Schleier.“
„Haben Sie Kopfschmerzen oder einen steifen Nacken?“
Ich bewegte meinen Kopf langsam hin und her. Wann ist mein Nacken nicht steif? Ich sitze den halben Tag und schreibe. „Ja, Kopfschmerzen habe ich. Aber nur ein wenig. Nicht schlimm.“
Ratlosigkeit breitet sich in dem kleinen Behandlungszimmer aus.
„Sind wir bald fertig?“, fragte das kleine Kind, das immer noch geduldig auf seinem Stuhl saß.
„Ja, gleich“, antwortete ich. „Hast du Lust auf Super Mario?“ Ich zog das Handy aus der Hosentasche und startete die App, die sich in Situationen wie diesen schon mehrmals bewährt hatte. Das kleine Kind freute sich und tauchte ein in eine Welt voller Pilze und feuerspeiender Pflanzen.
„Hatten Sie in letzter Zeit Stress?“, fragte die Ärztin.
Ich stieß einen Laut aus, der irgendwo zwischen einem Lachen und Schnauben lag. „Ja, ein wenig. Ich habe eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung“, sagte ich, weil ich spürte, dass es an der Zeit war, diese Information preiszugeben. Die Ärztin wirkte seltsam berührt und zugleich erleichtert. „Danke, dass Sie uns das sagen. Das schließt bereits einige Diagnosen aus und erklärt eventuell auch die ungleich großen Pupillen. Der Sympathikus ist ein Hund.“
„Kann das wirklich daher kommen? Es ist mir schon mehrmals aufgefallen, aber nicht in dieser Ausprägung. Ich dachte, ich bilde mir das bestimmt ein.“
Die Ärztin schüttelte den Kopf, leuchtete mir noch einmal in die Augen und lachte plötzlich. „Jetzt sind Ihre Pupillen wieder gleich groß“, sagte sie. Zum Beweis machte sie ein Foto meiner Augen mit ihrem Handy und zeigte es mir. Ein Bild zweier müder Augen, die mir jetzt viel älter erschienen als beim Blick in den Spiegel.
„Wir machen noch ein OCT und sehen uns die Netzhaut an. Weitere Untersuchungen sind am Wochenende leider nicht möglich.“
Ein blauer Punkt. „Was macht das Licht?“, schoss es mir durch den Kopf und gleich darauf die Antwort: „Es leuchtet blau.“ Ich musste bei dem Gedanken an dieses Filmzitat schmunzeln, dann konzentrierte ich mich wieder auf meine Aufgabe: Den blauen Punkt anstarren, bis das Bild fertig ist.
„Da ist Flüssigkeit unter Ihrer Netzhaut. Rechts deutlich mehr als links.“
„Aha“, machte ich. Der Arzt klang nicht besonders aufgeregt, als er das Phänomen beschrieb und sich die Bilder mehrmals ansah. „Das ist höchstwahrscheinlich eine stressbedingte Erkrankung. Retinopathia centralis serosa, auch bekannt als Managerkrankheit. Eigentlich gehören Sie nicht zur Zielgruppe, aber so ein Trauma macht eben viel. Wie die Kollegin schon gesagt hat, brauchen wir für die weitere Abklärung noch Untersuchungen, die uns heute nicht zur Verfügung stehen. Es reicht, wenn Sie am Donnerstag wiederkommen. Aber sollte es sich verschlechtern, dann kommen Sie bitte sofort.“
Ich nickte. „Klar.“
Ein weiterer Arzt durchquerte den Raum und warf einen Blick auf meine Bilder. „Sieh mal, es ist beidseitig“, sagte der andere zu ihm. „Hm. Stimmt.“
„Also bis Donnerstag“, sagte ich.
„Ja. Alles Gute“, antwortete der Arzt.
Ich nahm dem kleinen Kind mein Handy ab und hob es von seinem Stuhl. Schwer war es geworden, obwohl es so klein und dünn war für sein Alter.
„Und gute Besserung dem Hüftschnupfen!“, rief der Arzt uns nach.
