Es brauchte keine langen Erklärungen und meine Mutter brach ihren Urlaub in Italien ab. „Ob wir heute Abend oder morgen Früh fahren, ist auch schon egal“, sagte sie. Als sie am Sonntagmorgen vor der Tür stand, war sie mit frischem Gebäck und Akupunkturnadeln bewaffnet. Ich blickte sie aus roten, geschwollenen Augen an. Mein Visus war über Nacht schlechter geworden, aber die Sorge in ihrem Gesicht konnte ich trotz des Schleiers erkennen.
„Ich kann kaum lesen. Rechts sehe ich in der Mitte so eigenartig gräulich und die Linien…“ Ich ließ meinen Blick über die geschlossenen Jalousien des Küchenfensters schweifen. „Sie machen einen Knick. In der Mitte knicken sie. Links und rechts und dazwischen ist eine Art Kreis.“ Ich versuchte, diese Erscheinung zu beschreiben. Nicht nur, um meiner Mutter einen Eindruck meiner veränderten Wahrnehmung zu geben, sondern auch, um mir selbst klarzumachen, was da mit mir vorgeht. Die Mitte. Sie ist grau. War das nicht etwas, wonach mich die Augenärztin gefragt hatte? Muss ich mir Sorgen machen?
Wir beschlossen, dass es keinen Unterschied macht, wenn ich heute noch einmal ins Krankenhaus fahre. Sie konnten die notwendigen Untersuchungen am Wochenende ohnehin nicht machen. Ich klappte also meinen Computer auf, kochte Kaffee und versuchte zu arbeiten. Der verschwommene, graue Fleck in der Mitte meines rechten Gesichtsfeldes behinderte mich sosehr, dass ich mir das Auge zuhielt. Links ging es. Wenn nur das linke Auge sehen durfte, konnte ich tatsächlich arbeiten. Ich schnitt ein Stück schwarze Pappe aus und klebte es mir auf das rechte Brillenglas. „Wenn du nicht funktionierst, dann mache ich es eben ohne dich“, dachte ich und verabschiedete mich von meinem rechten Auge.
„Du siehst aus wie ein Pirat“, lachte ein Kind.
„Harr“, machte ich und schrieb einen Text, der bald fällig war. Wer wusste schon, wie lange ich noch in der Lage sein würde zu lesen?
„Wahrscheinlich sammelt sich jetzt die Flüssigkeit aus den kleinen Blasen zu einer großen zusammen. Meinst du nicht?“ Ich stand vor dem Spiegel und versuchte, mich selbst zu erkennen, doch mein rechtes Auge machte mir einen Strich durch die Rechnung. Erst war es mir nur wie eine Einbildung vorgekommen, aber mittlerweile war ich überzeugt, dass sich der Zustand von Stunde zu Stunde verschlechtert.
„Ja, wahrscheinlich…“ Der Blick meiner Mutter war noch eine Spur besorgter geworden. „Willst du noch einmal ins Krankenhaus fahren?“
„Nein. Die können heute eh nicht viel machen. Morgen. Wenn es morgen schlimmer ist, dann fahre ich morgen.“
„Wie machen wir das dann mit den Kindern?“
„Das kleine Kind darf sowieso noch nicht aus dem Haus, also bleibt das große Kind auch zu Hause. Sind ja ohnehin bald Ferien.“ Das Schwänzen und ich haben eine lange gemeinsame Geschichte. Ich weiß noch, wie heilsam so mancher Tag, den ich zu einem schulfreien erklärt hatte, gewesen war. Warum sollte ich es als Mutter anders machen? Manchmal muss der Alltag eine Pause machen.
„Gut. Ich komme morgen Früh wieder“, sagte meine Mutter und ging.
Als ich den Computer am Abend aufklappte, tanzten schwarze Flecke über den Monitor. Die Schrift verschwamm. Die Linien der Buchstaben schienen zu wuseln wie tausend Ameisen, die trotz aller Anstrengung nicht von der Stelle kamen. Ihre permanente Bewegung machte es mir beinahe unmöglich, flüssig zu lesen. Scheiße. Das ist mein linkes Auge. Ich schrieb noch ein paar E-Mails. An einen Kollegen, einen Freund in der Schweiz, meine Agentin.
