Duracellhase auf Speed

“Kannst du schlafen?”, fragte der Schweizer, als wir uns mit unseren Tassen zu einem Videocall trafen. Er Tee, ich Kaffee. Er dort, ich da – und trotz dieser Differenzen eine verbindende Nähe, die mir in meiner Isolation einen Funken dieser dringend notwendigen Geborgenheit schenkte.
“Nicht wirklich”, antwortete ich. “Zwei Stunden Schlaf, drei Stunden wach. Ich laufe wie ein Tier im Käfig in der Wohnung auf und ab und komme nicht zur Ruhe. Manchmal fällt mir erst nach einer halben Ewigkeit auf, dass ich die Zähne zusammenbeiße, als erwarte ich einen Angriff. Trotzdem bin ich nicht müde und könnte den ganzen Tag arbeiten, wenn ich denn könnte. Aber ich sehe ja nichts. Ich komme mir so unnütz vor in diesem energiegeladenen und doch unproduktiven Zustand.”
“Das wird wieder. Was sagen die Ärzte?”
“Ich bin bei 40 Prozent Sehschärfe. Der Spezialist meinte, ab 50 kann man ganz passabel lesen und er geht davon aus, dass wir das bald erreicht haben.”
Der Schweizer war zufrieden. Ich sah es seinem Gesicht an, das ich schemenhaft auf meinem Computerbildschirm erkennen konnte, wenn er sich der Kamera entsprechend näherte.
“Und wie versorgst du euch in der Zwischenzeit?”
“Es gibt Lieferdienste?”, konterte ich.
“Und wer putzt die Wohnung?”
Beinahe hätte ich bei dieser Frage lauthals gelacht. “Der, der es auch vorher getan hat: niemand.” Ich machte eine kurze Pause und genoss den Anblick der unschlüssig zuckenden Mundwinkel meines virtuellen Gegenübers. “Ist das wirklich deine einzige Sorge? Drei Wochen im Dreck halten wir schon aus. Und für den Rest gibt es Lieferdienste.”
“Und das klappt?” Der Schweizer sah irritiert drein. Ich hörte, wie das große Kind leise zischte: “Sag mal, in welchem Jahrhundert lebt der, Mama?”

Ich wollte nicht auflegen. Die Verbindung zu unterbrechen, bedeutete zwangsläufig, wieder in diese neue, unerträgliche Realität zurückzukehren, die mir mein Körper so plötzlich aufgezwungen hatte.
“Jetzt ist passiert, wovor ich immer solche Angst hatte”, sagte ich am Ende unseres Gesprächs. “Mein Körper hat mich verraten, aber eigentlich fühlt es sich vielmehr so an, als hätte ich in all diesen Jahren Verrat an ihm begangen und das ist nur seine Antwort darauf.”
“Reden wir von einer Täter-Opfer-Umkehr?”, fragte der Schweizer und hätte damit jedem Therapeuten Konkurrenz gemacht.
“Ja, vielleicht. Es wäre besser, sich selbst, Körper und Geist, als Einheit zu begreifen. Ich muss jetzt los. Ich kann nicht mehr stillsitzen.”
Wir verabschiedeten uns, ich klappte den Computer zu und sprang auf. Was konnte ich tun, um diese elende Spannung loszuwerden oder sie zumindest zu reduzieren?
“Ich gehe in den Wald”, rief ich den Kindern zu und eilte aus der Wohnung. Der Kater stürmte hinter mir her. Der Kater, an dem irgendwie ein Hund verloren gegangen war, und der kaum einen Spaziergang ausließ. Er begleitet den Hund und mich bei unseren täglichen Runden, manchmal begrüßt er sogar andere Hunde und knurrt Spaziergänger kampflustig an. Ich wäre gern schneller gegangen, aber mein Gleichgewichtssinn ließ es nicht zu. Außerdem musste ich bei jedem Schritt aufpassen, nicht über eine Wurzel zu stolpern, die meinen kaputten Augen entgangen war. Ich war ein Duracallhase auf Speed, der den Impuls, einfach loszustürmen, nicht ausleben konnte.

Mitten in der Nacht wachte ich auf. Ich kletterte vorsichtig über das kleine Kind und ging auf den Balkon. Es war lau. Der Himmel war klar und irgendwo dort oben mussten die Sterne sein. Ich konnte sie nicht sehen. In einem Forum für Betroffene von Vogt-Koyanagi Harada hatte ich von einer Person gelesen, die erst nach fünf Jahren wieder in der Lage gewesen war, die Sterne zu sehen. Ich fühlte mich so furchtbar allein. Dann hörte ich den Nachbarn im Schlaf husten. In der Wohnung schräg unten ging das Licht an. Noch ein Schlafgestörter. Aus irgendeinem Grund war es ein ungemein beruhigendes Gefühl, sich nicht so ganz allein zu wissen. Die Isolation in sich selbst gaukelt einem manchmal die vollkommene Einsamkeit vor, aber sie neigt zur Übertreibung. Drei Stunden später fand auch ich wieder in den Schlaf, nur um kurze Zeit später vom Wecker in diesen neuen Schultag katapultiert zu werden.
“Auf geht’s Kinder! Heute gibt’s wieder einen Ausflug!”


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