Als wir ankamen, fiel uns ein Stein vom Herzen. Das Hotel war schön, der Strand gepflegt und der Pool sah aus, als würde man nicht gleich mit einem Magen-Darm-Virus über der Kloschüssel enden, wenn man zu viel von seinem Wasser verschluckte.
„Wenn jetzt auch noch das Essen gut ist, sind wir im Paradies gelandet“, schrieb ich einer Freundin.
Wenig später hatten wir auf Vollpension erweitert und lagen mit vollen Bäuchen auf unseren Liegen.
„Hier werden wir Stammgäste“, beschloss das kleine Kind und begann, jenen Tunnel, den es seit Wochen ankündigte, in den Sand zu buddeln.
Meine anfängliche Sorge, die Sonne und der Wind könnten meinem vom Vogt-Koyanagi-Harada-Syndrom geplagten Hirn zusetzen, zerschlugen sich schnell. Ich schlief viel, blieb nachts sogar liegen, wenn ich wach war anstatt aufzuspringen und zu arbeiten. Wenn wir nicht aßen, lagen wir am Pool oder am Strand. Wenn die Kinder nicht schwammen, dann steckten sie knietief im Sand oder ihre Nasen in Bücher.
„Wusstest du, dass Asterix eigentlich auch Römer war?“, fragte das kleine Kind, das seine Begeisterung für diesen Klassiker der Literatur entdeckt hatte und uns mit vor Entzückung glänzenden Augen laufend von seinen neuesten Erkenntnissen berichtete.
„Nachdem Gallien von den Römern erobert und damit Teil des Imperiums geworden war, war er gewissermaßen ein Römer…“, sagte ich. Das kleine Kind nickte, offensichtlich sehr zufrieden mit mir und dieser Antwort.
„Deswegen darf er auch bei den Olympischen Spielen mitmachen.“
„Na, Gott sei Dank! Sonst wäre der ganze Band ja sinnlos.“
Wenn ich meine Sonnenbrille abnahm, sah ich den Glitzerwürmern zu. Klein waren sie und wuselten aufgeregt über den Himmel und das Wasser. Wenn ich den Kopf in den Nacken legte, blitzte es ein wenig.
„Da geht’s ab“, sagte ich zum großen Kind, mit dem Blick nach oben.
„Blau“, erwiderte das große Kind.
„Glitzerblau mit Blitzen und Würmern“, sagte ich und als ich das Stirnrunzeln des Kindes wahrnahm, fügte ich hinzu: „In meiner Welt zumindest.“
„Nette Welt“, sagte das Kind grinsend.
„Ja eh. Aber bleib besser in deiner.“
„Dann gehe ich jetzt schwimmen“, beschloss das Kind und flitzte davon.

Essen, schlafen, essen, ein bisschen arbeiten, schwimmen, essen und sich abends durch die überfüllte Einkaufsstraße schieben auf der Suche nach den wenigen Dingen, die man trotz aller Vorsicht beim Packen zu Hause vergessen hat: Einen Sonnenhut, Badehosen, in die der überraschenderweise gewachsene Körper des kleinen Kindes tatsächlich hineinpasst, und einen Spitzer. „Als hätten wir keine Spitzer zu Hause. Ständig kaufe ich Spitzer. Warum haben wir keinen Spitzer mitgenommen?“, beklagte ich mich händeringend.
„Ich wusste ja nicht, dass wir hier so viel malen müssen!“, erwiderte das große Kind. „Und wir haben überhaupt keine Spitzer.“
„Doch! Den türkisen und zwei von den roten und den einen aus dem Adventskalender vorletztes Jahr und den, der bei deiner Schultasche dabei war. Lass mir noch ein wenig Zeit, dann fallen mir garantiert noch ein paar weitere Modelle aus unserem wunderbaren Spitzerfundus ein.“
„Du bist so doof.“
„Danke! Doof und reich an Spitzern“, sagte ich. Dann verzogen wir uns in eine Spielhölle und knallten grinsenden Clowns rote Bälle ins Gesicht, bis wir die angestaute Wut der letzten Wochen losgeworden waren.
„Fast wie in Taiwan hier“, stellte das kleine Kind, das sich seit seines letzten Aufenthalts auf Formosa mal endlich wieder in einen Raum voller Spielautomaten gewünscht hatte, fachmännisch fest. „Ein absoluter Geheimtipp!“
„Stimmt. Nur ohne dreiwöchige Quarantäne“, sagte das große Kind.
Ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen. „Ja, Bibione. Der Geheimtipp an der oberen Adria. Ein ruhiges Plätzchen und kaum touristisch erschlossen. Kommen Sie schnell, bevor all die Österreicher diesen Ort für sich entdecken.“ Die Kinder sahen mich bitterböse an. Dann lachten wir und gingen zum Strand, um unsere Beine von den abendlichen Wellen umspülen zu lassen.
