Klatschmohn ist rot, Veilchen sind blau…

… und Gürtelrose braucht keine Sau. Trotzdem beantwortet mein Körper jede Phase ausgeprägten Stresses damit. Been there, done that. Aber die Umstände sind diesmal andere, deutlich kompliziertere. Ratlos saßen wir im Hotelzimmer und sahen einander an. Der Blick meiner Mutter wanderte unaufhörlich auf die typischen Bläschen, die sich über meine linke Schulter und meinen Hals zogen.
„Na, dann gehe ich mal zur Apotheke“, sagte sie und zog den Arztausweis aus der Tasche. Allein für dieses Teil lohnt sich das Medizinstudium. Zumindest, wenn man jemanden wie mich zur Tochter hat.

In der Zwischenzeit wählte ich die Nummer der Augenklinik. Einmal, zweimal, dreimal.
„Doktor X? Der hat heute nicht Dienst, aber Doktor Y. Der kann allerdings erst nachmittags zurückrufen.“
„Alles klar. Danke!“ Ich legte auf und versuchte mein Glück in der Praxis von Dr. X. Einmal, zweimal, dreimal. Irgendwann wurde es mir zu bunt und ich schrieb ihm ein E-Mail. Vielleicht, ja vielleicht würde er antworten.

Wir saßen beim Frühstück. Pancakes, Croissants, Räucherlachs, die Kinder schaufelten Wassermelone in sich hinein, bis ihre Bäuche kugelrund waren und sie auf der Bank hingen wie müde Fliegen. Da trudelte die Nachricht von Dr. X ein: Virostatikum sofort nehmen, Kortison etwas reduzieren und ihn über jegliche Reaktionen darauf informiert halten – so lauteten die Anordnungen. Zur Sicherheit gab er mir zwei weitere E-Mail-Adressen, um auch wirklich keine News von der VKH-Herpes-Zoster-Front zu verlassen.

Ich gehorchte und änderte, noch während ich die Tabletten hinunterwürgte, die Widmung jenes Buchs, dessen Korrekturen ich gerade vorzunehmen hatte. „Für die Ärztinnen und Ärzte der Augenklinik Graz“ stand nun da und ich nickte zufrieden.
„Wenn alle Stricke reißen, müssen wir die orale Gabe pausieren und das Kortison lokal injizieren“, schrieb Dr. X in seinem zweiten Mail.

Äh, nein.
Nein, danke.
Nicht nötig. Alles gut hier. Nadeln und Augäpfel – zumindest in meiner Welt vertragen sich diese zwei Dinge nicht und sollten, wenn irgendwie möglich, keinerlei Bekanntschaft miteinander machen müssen. Dass ein Augenarzt das völlig anders sieht, ist mir schon klar. Der kann ja sehen und sitzt deshalb in der Regel auch am anderen Ende der Nadel.
„Alles gut. Ich bin Gürtelrosen gewohnt. Völlig normale Reaktion auf ein weiteres völlig absurdes Ereignis in meinem Leben.“

„Darf ich dich da anfassen?“, fragte das kleine Kind. „Oder bekomme ich dann die Windpocken?“ Das Gute an einer Mutter wie mir ist, dass die Kinder eine gewisse medizinische Grundbildung bekommen. Und dass wir für eine Ansteckung mit Windpocken weder Kindergarten noch Schule benötigen. Wir erledigen das völlig autark mit einem frisch angeregten Herpes Zoster direkt aus Muttis Wirbelsäule. An diesem Abend gingen wir nicht in die Spielhölle und aßen kein Eis. Mein Kopf schmerzte, im linken Ohr knackte es. Die Kinder legten sich ins Bett und hörten Hörspiele. „Ich denke, ich habe die liebsten Kinder der Welt“, sagte ich. „Das denke ich auch“, erwiderte meine Mutter.

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